Peru: Kinder Radio Manuelito: „Beteiligung ist unser Ding!“ – Die Kinderreporter aus Huaycán in Peru

„Hola a todos y todas“, begrüßt Mercy ihre Zuhörerschaft. „Kinderradio Manuelito lädt euch Kinder ein, eure Meinung zu sagen. Über das Radio wollen wir nicht nur unsere Stimme erheben. Wir wollen, dass man uns zuhört.“ Mercy Rojas aus Lima hat schon so manche Radiosendung moderiert. 2018 gründete sie zusammen mit 59 anderen Kindern und Jugendlichen den Radiosender Kinderradio Manuelito. Seitdem haben sie mit ihren Sendungen 208.000 Peruanerinnen und Peruaner erreicht.

Das Projekt Kinderradio Manuelito hatte beim weltweiten Wettbewerb „Agents of change – Innovation für Kinderrechte“ der GIZ gewonnen. Es war der Ansatz des Projekts, der überzeugt hatte: partizipativ, innovativ und kinderrechtsbasiert. Von 2018 bis 2019 wurde das Projekt durch das GIZ Globalvorhaben „Migration für Entwicklung“ und die peruanische Kinderrechtsorganisation TIPACOM umgesetzt mit der Unterstützung des GIZ Sektorvorhabens Menschenrechte / Kinderrechte.

100 Kinder und Jugendliche aus den Regionen Cusco, Arequipa, Zaña, Huancayo und Lima lernten in Workshops Grundlagen der Radio- und Videoproduktion. Erwachsene Journalist*innen, Radioproduzent*innen und Sozialarbeiter*innen standen ihnen zur Seite und vermittelten Wissen über Produktion, Moderation und Technik. Sie waren es auch, die den Internetradiosender mit Kanälen in Youtube, Twitter und Facebook einrichteten und ihn über ihre Netzwerke bekannt machten. Doch bei allem waren es die Kinder und Jugendlichen selbst, die die Entscheidungen trafen. Nach der Gründung des Senders bildeten sie ein Hauptstudio in Lima und vier regionale Radioteams.

Egal, ob es in der Region Zaña um Umweltverschmutzung ging oder die Kinder und Jugendlichen in Cusco indigene Hausangestellte interviewten. Ob sie das Vorgehen ihres Bürgermeisters in Lima kritisierten oder über die Situation von jungen Menschen der LSBTI-Community in Arequipa sprachen. Ihre Botschaft an ihre Zuhörerschaft war klar: Wir Kinder und Jugendlichen haben Rechte! Und dass man diese in Peru immer wieder verletzt, müssen wir ändern!

Mercy ist eines der Gründungsmitglieder des Radios. Im März 2019 traf sie die Radioteams der anderen Regionen auf der ersten Generalversammlung des Radios. Sie wurde sogar in den Vorstand gewählt, in dem sie gemeinsam die Ziele ihres Projekts festlegten. Mercy ist stolz: „Die Hauptakteure in diesem Projekt sind wir Kinder und Jugendliche. Es ist mehr als nur ein Projekt. Es ist eine Familie. Es ist unsere Zukunft. Das fühle ich.” Sie ist 15 Jahre alt und stammt aus Huaycán, einem marginalisierten Stadtviertel der Millionenmetropole und Hauptstadt Perus. Armut, Ungleichheit und Diskriminierung prägen Mercys Alltag. Als junge Frau hat sie es besonders schwer. Sie hat nicht die gleichen Chancen. Sie würde gerne studieren. Am liebsten Englisch, denn es gäbe viel zu entdecken auf der Welt. Doch Zeit für die Schule findet Mercy selten. Sie unterstützt ihre Mutter im Haushalt und passt auf ihre Geschwister auf. Auch auf dem Markt gearbeitet hat sie schon.

Dass Mercy früh Verantwortung für sich und andere übernommen hat, merkt man ihr an. Auch im Kinderradio Manuelito ist sie für alle wie eine große Schwester. Sie gibt auch mal den Ton an, wenn etwas nicht so läuft, wie das Radioteam in Huaycán sich das vorgestellt hat. Sie müssen gemeinsam entscheiden, was wohl das nächste Thema ihrer Sendung sein wird. Oder ob sie als nächstes eine Musikshow, Interviews, eine Reportage oder vielleicht doch ein Radiotheater produzieren sollen. In einem sind sie sich aber immer einig: sie wollen mit ihren Sendungen etwas verändern. Und das sagen sie sich, bevor sie gemeinsam den Countdown „1, 2, 3 – acción“ zählen und die Aufnahme beginnt.

Heute ist der neunjährige Christian an der Reihe: „Wusstet ihr es etwa nicht? Das Recht auf Beteiligung ist unser Ding!“, fängt er an. Auch Christian kommt aus Huaycán. Gewalt, körperliche Bestrafungen und sexueller Missbrauch von Kindern sind in seinem Viertel weit verbreitet. Am Anfang war er aufgeregt und verschüchtert. Er stotterte ins Mikrofon. Die andere redeten ihm gut zu. Doch nach mehreren Monaten Radioerfahrung singt er sogar in einer ihrer Sendungen: „NO VIOLENICA – keine Gewalt!“. Er stellt sich vor, wer ihm in Huaycán dabei alles zuhört.

13 Radioprogramme haben Mercy, Christian und ihre Freunde zwischen 2018 und 2019 produziert. Etwa 16.000 junge und alte Menschen haben sie jede Woche in Huaycán erreicht. Auch in den anderen Regionen waren die Radioteams erfolgreich. Auf der Website Kinderradio Manuelito haben sich schon mehr als 7.000 Personen ihre Sendungen, Videos und Berichte angeschaut. Und die Bevölkerung aus Huaycán hat sogar während ihrer interaktiven Sendungen angerufen und ihre Meinungen geäußert.

„Wir können mit unseren Ideen zum Gemeinwohl beitragen und andere unterstützen“, ermutigt die elfjährige Naydelin ihr Radiopublikum. „Wir wollen, dass man unsere Stimme ernst nimmt, wenn Entscheidungen getroffen werden“, unterstützt sie Mercy. Und zum Abschluss ihrer Sendung rufen sie alle gemeinsam: „Und deshalb sind wir: KINDERRADIO MANUELITO!“