Libanon

Berufliche Chancen

Integration von gefährdeten Jugendlichen in die Gesellschaft durch berufliche Qualifikation und Ausbildung

Ein großer Teil der Flüchtlinge aus Syrien hat im Libanon Zuflucht gesucht. Insbesondere Kinder und Jugendliche sind während oder nach der Flucht von einer Vielzahl von Rechtsverletzungen betroffen. Zudem sind viele Mädchen und Jungen durch den Bürgerkrieg und die Fluchterfahrungen traumatisiert. Teilweise haben sie ihre Familienmitglieder verloren. Die kriegerische Auseinandersetzung in Syrien und die Flucht haben dazu geführt, dass viele ihre schulische Bildung bzw. Ausbildung unterbrechen mussten.

Syrische Jugendliche und junge Libanesen aus marginalisierten Familien haben im Libanon nur sehr begrenzten Zugang zu beruflicher Qualifikation oder Ausbildung. Syrische Flüchtlinge müssen, um sich in Berufsschulen einzuschreiben und einen Abschluss zu machen, ihre Schulunterlagen und Bescheinigungen aus Syrien beibringen, die die wenigsten auf der Flucht mitgenommen haben. Dazu ist die wirtschaftliche Situation der Familien häufig derart prekär, dass die Jugendlichen durch Gelegenheitsarbeiten zum Familieneinkommen beitragen müssen. Viele syrische Familien sind durch psychische Belastungen durch Kriegserlebnisse und Flucht betroffen, die sich noch einmal durch die prekären Lebensverhältnisse und die ungewisse Zukunft potenzieren.

Öffentliche berufsbildende Einrichtungen sind in einem schlechten und reparaturbedürftigen infrastrukturellen Zustand, oft fehlen qualifizierte Ausbilder und nur die wenigsten berücksichtigen systematisch psychosoziale Belastungen der Jugendlichen und bieten entsprechende Unterstützung an.

Die Kindernothilfe leistet einen Beitrag zur Integration von gefährdeten Jugendlichen durch berufliche Qualifikation und Ausbildung im Gouvernement Mount Lebanon im Chouf Distrikt und Aley Bezirk, welche seit dem Beginn der Syrienkrise eine große Anzahl von geflüchteten Menschen beherbergen.

Ziele und Aktivitäten

Das von der Kindernothilfe unterstützte und mit Mitteln des BMZ geförderte Projekt zielt darauf ab, dass 500 syrische und libanesische gefährdete Jugendliche in ihren Gemeinden besser integriert sind, sie verbesserte Chancen am Arbeitsmarkt haben und einen wirtschaftlichen Beitrag zum eigenen Lebensunterhalt und dem ihrer Familien leisten. Einen wichtigen Beitrag leistet die begleitende psychosoziale Unterstützung der Jugendlichen.

Die Jugendlichen verbessern ihre Berufseignung, indem sie an Lehrgängen zu individuellen Lebenskompetenzen, allgemeinen berufsrelevanten Fähigkeiten, z.B. Arbeitsplatzsuche, Lebenslauferstellung, Vorstellungsgespräche sowie Englisch- und Computerkenntnissen teilnehmen. Es gibt ein Angebot von juristischer Beratung und Unterstützung bei der Beschaffung offizieller Dokumente. Erste praktische Arbeitserfahrungen werden bei Berufspraktika in kommunalen Betrieben und Arbeitsbereichen gemacht.

Die Jugendlichen werden psychosozial stabilisiert und während der Ausbildungsphasen durch begleitende psychosoziale Unterstützung betreut, um es ihnen zu ermöglichen, einer geregelten Arbeit nachzugehen.

Sie werden durch angepasste berufliche und technische Qualifizierung nach dem dualen Ausbildungsansatz für den Arbeitsmarkt vorbereitet und befähigt, ihren Lebensunterhalt durch selbständige wirtschaftliche Aktivitäten und die Gründung von Kleinstunternehmen zu bestreiten. Unter anderem wird im Rahmen des Projekts eine community kitchen zur Lebensmittelproduktion aufgebaut. Am Projekt beteiligte berufsbildende Institutionen erhalten eine verbesserte technische und infrastrukturelle Ausrüstung.

Darüber hinaus werden langfristige Koordinierungsmechanismen zwischen berufsbildenden Institutionen, lokalen Wirtschaftsunternehmen und weiteren Akteuren aufgebaut, um die im Rahmen des Projekts ausgebildeten Jugendlichen weiter zu fördern und die Qualität der beruflichen Bildung zu fördern.

Erfolge und Herausforderungen

Bisher haben 65 Jugendliche Lehrgänge zu individuellen Lebenskompetenzen, berufsrelevanten Fähigkeiten und Englisch- und Computerkenntnisse abgeschlossen. Für diese Lehrgänge wurde ein praxisorientiertes und mit Inputs der Jugendlichen verfasstes Curriculum und Handbuch entwickelt. Die zeitgleich stattfindenden Marktanalysen zur wirtschaftlichen Situation in der Projektregion  unterstrichen die Bedeutung und Zielsetzung dieser Lehrgänge, da neben der technischen Qualifikation  allgemeine Kompetenzen als hoher Bedarf von lokalen Unternehmen identifiziert wurden. Das Handbuch wird derzeit durch einen Grafiker aufbereitet und soll durch ToT- Workshops anderen NGOs, Schulen, Jugendclubs etc. angeboten und zugänglich gemacht werden.

Die teilnehmenden Jugendlichen wurden psychosozial begleitet und gestärkt. In schweren Fällen gab es eine intensive individuelle psychosoziale Intervention durch das Psychologenteam des lokalen Projektpartners der Kindernothilfe.

In sechs Gemeinden konnten die Jugendlichen Arbeitserfahrungen durch Praktika in unterschiedlichen Arbeitsbereichen machen, u.a. in Recycling, Landwirtschaft und Schreinerei. In der Gemeinde Batloun haben die Jugendlichen in Kooperation mit einer Start-up Firma einen Teil der Hauptstraße kreativ und mit selbst gesammeltem Material gestaltet, um auf die Bedeutung von Recycling und Schutz der Umwelt aufmerksam zu machen.

An den Berufsschulen wurden ebenfalls Englisch- und Computerkurse (sowohl Basis- als auch vertiefte Kurse) in Form von Nachmittagskursen angeboten. Bereits jetzt gibt es an den Schulen großes Interesse von Seiten vieler Lehrer, auch selber an den Englisch-, Computerkursen wie auch an Kursen zu individuellen Lebenskompetenzen und berufsrelevanten Fähigkeiten teilzunehmen.

Zurzeit laufen die Vorbereitungen zur beruflichen und technischen Qualifizierung nach dem dualen Ausbildungsansatz, bei der die Jugendlichen theoretische Kenntnisse in Berufsausbildungskursen durch lokale NGOs und Arbeitserfahrung und praktische Ausbildung in lokalen Wirtschaftsunternehmen erlangen.

Eine der größten Herausforderungen besteht in den begrenzten Bildungs-, Ausbildungs- und Einkommensmöglichkeiten für syrische Flüchtlinge, die von den einschränkenden Rahmenbedingungen im Libanon gekennzeichnet sind und in der Regel wenig nachhaltige Beschäftigungsverhältnisse für die Jugendlichen ermöglichen, was bereits die Projektplanung erschwert hatte. Im Laufe der Implementierung musste das Projekt angepasst werden, um eine realistische Wirkung für die Jugendlichen im bestehenden politischen und gesellschaftlichen Gefüge erzielen zu können.

Eine Herausforderung auf Projektebene besteht darin, Jugendliche und ihre Familien für das Projekt zu gewinnen, da viele Jugendlichen bereits mit schlecht bezahlten und unqualifizierten Gelegenheitsarbeiten zum Lebensunterhalt der Familien beitragen müssen. Deshalb erhalten die Jugendlichen während der Praktika eine Aufwandsentschädigung und es wurde auch gemeinsam mit den Familien nach weiteren Wegen gesucht, damit die Jugendlichen trotz ihrer Verpflichtungen an Aus- und Weiterbildungsangeboten teilnehmen können.

Die psychosoziale Betreuung von Jugendlichen bildet eine der Säulen des Projekts, um die Jugendlichen für ein geregeltes Arbeitsleben vorzubereiten, stellt aber gleichzeitig eine Herausforderung an das Projektteam. Die Anzahl der betreuungsintensiveren Fälle ist deutlich höher als zuvor angedacht, da die Jugendlichen neben den Herausforderungen des Erwachsenwerdens mit Kriegserfahrungen, Bildungslücken, kulturellen Spannungen und sozialen Stigmata zu kämpfen haben.

Ansprechpartnerinnen

Kindernothilfe e. V.

Düsseldorfer Landstraße 180
47249 Duisburg

Friederike Kowertz
T: +49 203 / 77 89 263
E: friederike.kowertz(at)kindernothilfe.de
www.kindernothilfe.de

GIZ - Sektorprogramm „Menschenrechte einschließlich Kinder- und Jugendrechte umsetzen in der Entwicklungszusammenarbeit“

Friedrich-Ebert-Allee 36 + 40
53113 Bonn

Telefon +49 228 4460-3797
info(at)kinder-und-jugendrechte.de