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03.01.2020

Venezuela – Eine Katastrophe in Zeitlupe

Slow-motion catastrophe – Katastrophe in Zeitlupe – nennt die britische Zeitung The Guardian das Versinken Venezuelas in Armut, Korruption und Gewalt.
In ganz Venezuela sind kirchliche Suppenküchen mit Tausenden von ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern für viele Menschen die letzte Chance, eine Mahlzeit zu erhalten. © Jürgen Schübelin

Nie zuvor in der lateinamerikanischen Geschichte hat es einen in dieser Dimension vergleichbaren Absturzprozess gegeben. Neun von zehn Menschen in dem Karibikanrainerstaat verfügen als Folge der Hyperinflation, die 2019 nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) erneut über 200.000 Prozent erreichte, nicht mehr über genügend Einkommen, um die tägliche Ernährung sicher zu stellen.

Der gesetzliche Mindestlohn, den sieben von zehn Beschäftigten in Venezuela verdienen (zwei bis drei US-Dollar pro Monat) steht in groteskem Gegensatz zu den Preisen für Lebensmittel. Nach einer gemeinsamen Untersuchung der fünf größten Universitäten des Landes führten die Schwierigkeiten, sich ausreichend zu ernähren, dazu, dass zwei Drittel der Erwachsenen in den zurückliegenden drei Jahren durchschnittlich 11 kg ihres Körpergewichts verloren haben. Mehr als jedes dritte Kind in Venezuela ist stark unterernährt. Die dramatischsten Folgen von Armut und extremer Armut sind auf dem Land und in den kleineren Städten zu spüren, in denen die Lebensmittelprogramme der Regierung nicht – oder nur sehr sporadisch greifen.

Der Zerfall des einstmals reichsten südamerikanischen Landes ist überall mit Händen zu greifen: Die Stromversorgung funktioniert nur noch mit großen Unterbrechungen, Telefon- und Mobilfunknetze sind praktisch zusammengebrochen. Und es gibt in dem Land, das mit Abstand über die weltweit größten Schwerölreserven verfügt, kaum noch Benzin für die Einheimischen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sprach bereits 2018 von einem „völlig kollabierten öffentlichen Gesundheitssystem“, in dem es an allem fehlt: medizinischem Material aller Art, Medikamenten – aber vor allem Ärzten und Pflegepersonal. 

Bereits 2018 wurde augenfällig, wie polarisiert und extrem gespalten die venezolanische Gesellschaft den Niedergang ihres Landes und die drastischen Verschlechterungen ihrer Lebensbedingungen erlebt. Noch vor der dramatischen Zuspitzung der politischen Auseinandersetzung zwischen dem Präsidenten der venezolanischen Nationalversammlung, Juan Guiadó, und des – nach einer von den meisten westlichen Staaten wegen massiver Manipulationen nicht anerkannten Wiederwahl im Mai 2018 – weiteramtierenden Staatspräsidenten Nicolás Maduro, war die Konfrontation und Verhärtung zwischen den beiden Lagern mit Händen zu greifen.

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Autor:
Kindernothilfe | Jürgen Schübelin
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