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19.09.2022

Hunger in Somalia: "Es wird stündlich schlimmer"

Mehr als die Hälfte der Kinder unter fünf Jahren in Somalia sind von akuter Unterernährung betroffen, jedes sechste Kind leidet an der tödlichsten Form von Unterernährung. Ebrima Saidy, Mitarbeiter von Save the Children International, erzählt uns von dramatischen Szenen, die sich täglich in Somalia abspielen.
Im Aufnahmecamp in der Bay-Region im Südwesten Somalias bekommen viele Menschen nur eine Mahlzeit am Tag. Die Bewohner*innen flüchteten aus ihrem Zuhause, um Zugang zu Essen, Wasser und Schutz zu finden. © Randa Ghazy / Save the Children

Somalia erlebt derzeit die schlimmste Dürre seit 40 Jahren: 1,8 Millionen Kinder im Land sind akut mangelernährt und müssen dringend behandelt werden, um überleben zu können. Die Vereinten Nationen hatten bereits Anfang September vor einer bevorstehenden Hungersnot in Somalia gewarnt. Nun übertreffen die aktuellen Zahlen hungerleidender Menschen im Land sogar die schlimmsten Erwartungen früherer Prognosen.

"Ich bin wütend"

Bei der letzten Hungersnot in Somalia starben 260.000 Menschen, die Hälfte davon waren Kinder. Für Save the Children ist klar: Diese Tragödie darf sich nicht wiederholen. Ebrima Saidy, Mitarbeiter bei Save the Children International, beklagt: "Die Situation vor Ort ist beunruhigend und hat mich wütend gemacht. Ich bin wütend, dass wir uns wieder in dieser schrecklichen Situation befinden, und zwar viel früher und viel häufiger. Ich bin wütend, dass Frauen über 90 km laufen müssen, um ihre schwer unterernährten Kinder in unsere Stabilisierungszentrum zu bringen. Das ist eine unzumutbare Realität."

Somalia schwer von Klimakrise betroffen

Vor allem die durch den Klimawandel bedingten schweren Dürren im Land führen zu aufeinanderfolgenden Missernten, massivem Viehsterben und damit zu einer extremen Lebensmittelknappheit, die wiederum die Preise für Nahrungsmittel in die Höhe schießen lässt. Dabei gehört Somalia zu den Ländern, die am wenigsten zur Klimakrise beigetragen haben und die Auswirkungen trotzdem am stärksten zu spüren bekommen.

"Der Ernst der Lage macht selbst unseren Mitarbeitern Angst. Sie sagten mir, wie viel Angst sie vor den Konsequenzen der Krise haben und dass sie auf keinen Fall wollen, dass ein Kind aus vermeidbaren Gründen stirbt, vor allem, weil sie wissen, dass sie mehr tun und mehr Leben retten könnten, wenn sie mehr Ressourcen hätten" erzählt Ebrima Saidy. Es wird erwartet, dass bis Jahresende fast 41 Prozent der Bevölkerung mit Nahrungsmittelknappheit zu kämpfen haben werden. Die Geschichten der Familien, die keinen Zugang zu Wasser, Nahrung und Gesundheitsversorgung haben, sind dramatisch: "Eine Frau erzählte mir, dass sie drei kranke Kinder hat, aber da sie nur ein Kind für den 90 km langen Fußmarsch [in das nächstgelegene Gesundheitszentrum] tragen kann, hat sie nur das schwer unterernährte Kind mitgenommen. Die anderen beiden kranken Kinder ließ sie im Dorf zurück, in der Hoffnung, dass es ihnen bei ihrer Rückkehr gut geht. Das sind furchtbar schwierige Entscheidungen, die kein Elternteil im Jahr 2022 treffen sollte." Ebrima Saidy, Mitarbeiter bei Save the Children International

Save the Children fordert mehr Einsatz

Save the Children fordert die Geber auf, ihre Hilfe zu verstärken und dafür zu sorgen, dass lebensrettende Nahrungsmittel, Wasser und Gesundheitsdienste für bedürftige Familien in ganz Somalia sofort zur Verfügung stehen. Die Kinderrechtsorganisation ruft außerdem dazu auf, die Ursachen des Hungers am Horn von Afrika an der Wurzel zu packen. Die internationale Gemeinschaft muss nachhaltige Lösungen für die globale Klimakrise finden und die am stärksten betroffenen Gemeinschaften bei der Anpassung und Vorbereitung auf Extremwetterereignisse unterstützen. (...)