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25.07.2022

Hunger fördert Gewalt gegen Frauen

In diesem Moment leidet einer von neun Menschen auf der Welt an Hunger. Im lateinamerikanischen Raum steht Haiti aktuell auf Platz 1 der hungrigsten Orte – und wie so oft in Krisen sind es auch hier Frauen und Kinder, insbesondere Mädchen, die am meisten leiden.
Marie* (16) mit ihrer Tochter vor dem Zelt, in dem sie leben. © Plan International

Haiti ist mit zahlreichen Krisen konfrontiert: Seit der Ermordung von Präsident Moise im Juli 2021 wächst die politische Instabilität kontinuierlich, auch die Gewalt durch Banden hat in den letzten sechs Monaten insbesondere in der Hauptstadt Port-Au-Prince ein neues Ausmaß an Intensität und Brutalität erreicht. Zehntausende sind deshalb aus ihren Häusern geflohen, suchen Schutz bei Gastfamilien oder in provisorischen Unterkünften. Naturkatastrophen wie Tropenstürme, Erdrutsche und Überschwemmungen waren in den letzten Jahrzehnten keine Seltenheit. Das starke Erdbeben, das im August 2021 den Süden des Landes erschütterte, und die weltweite Nahrungsmittel- und Treibstoffkrise, die durch den Krieg in der Ukraine ausgelöst wurden, haben die bereits schwierige humanitäre Lage in Haiti zudem weiter verschärft.

Ein Fünftel der Kinder sind chronisch unterernährt

Knapp die Hälfte der Bevölkerung Haitis ist von Hunger betroffen. Das führt nicht nur dazu, dass immer mehr Menschen im Land, darunter aktuell 22 Prozent der Kinder, chronisch unterernährt sind. Der Hunger bringt auch weitere weitreichende Folgen mit sich, insbesondere für Mädchen und Frauen. So sind sie in Krisenzeiten am ehesten körperlicher, verbaler, psychologischer und sexueller Gewalt ausgesetzt – vor allem, wenn sie unter schwierigen Bedingungen leben und nicht einmal über das Nötigste wie Nahrung, sauberes Wasser oder eine angemessene Unterkunft verfügen. Marie* (16) ist aktuell obdachlos. Sie lebt mit ihrer Familie in einem Zelt an einem staubigen Berghang. Im vergangenen Jahr wurde sie von einem Mann, der in der Nähe lebte, in sein Haus gelockt. „Als ich ankam, fasste er mich an und vergewaltigte mich“, erzählt sie. Damals war sie noch Jungfrau. Ihre Mutter meldete den Angriff der Polizei, doch der Mann war bereits geflohen und kehrte nicht mehr zurück. Obwohl ihre Eltern sie seitdem unterstützen so gut sie können, musste Marie die Schule abbrechen, als sie merkte, dass sie schwanger war. Hoffnung, dass sie wieder zurückkehren kann, hat sie nicht: „Die wirtschaftliche Lage meiner Familie erlaubt es mir nicht“, so die 16-Jährige.

„Mädchen gehören heute zu den Hauptleidtragenden der politischen und unsicheren Lage in Haiti“, sagt Débora Cóbar, Regionaldirektorin von Plan International für Lateinamerika und die Karibik. „Wenn Familien hungern, sind Mädchen oft gezwungen, sich um jüngere Geschwister zu kümmern, damit die Eltern arbeiten oder Nahrung finden können. Zu oft sind sie gezwungen, die Schule abzubrechen, was ihre Zukunft gefährdet und das Risiko von Gewalt erhöht.“ (...) Mehr