Letzte Chance für eine Kindheit!

Warum Kinder im Zentrum der Weltgipfel zu Flucht und Migration im September 2016 stehen müssen

Malek, 3 años, refugiada siria en el asentamiento informal de Rihannieh, en Líbano
© UNICEF/UN031065/Bosch

Zum ersten Mal in der Geschichte der Vereinten Nationen werden in diesem Jahr internationale Gipfel anlässlich der weltweiten Flucht- und Migrationsbewegungen einberufen, sowohl im Rahmen der UN-Generalversammlung (am 19. September) als auch von der US-Regierung (am 20. September). Dies zeigt die Dringlichkeit des Handelns angesichts einer dramatisch gewachsenen Zahl von geflüchteten und migrierten Erwachsenen und Kindern. Eines von 45 Kindern weltweit befindet sich heute außerhalb seiner Heimat – das bedeutet fast 50 Millionen Kinder, und dies ist nur eine vorsichtige Schätzung. Dass alle teilnehmenden Regierungen diese Dringlichkeit anerkennen, ist ein historischer Moment.

Beide Gipfel zielen darauf ab, neue und nachhaltige Lösungen für den Umgang mit den Ursachen und Folgen der Krisen zu finden, die dazu führen, dass so viele Menschen ihre Heimat verlassen müssen. UNICEF sorgt gemeinsam mit seinen politischen Partnern dafür, dass die Anliegen der Kinder bei beiden Gipfeln zentral berücksichtigt werden. Denn die Krisen, um die es bei den politischen Beratungen geht, treffen Kinder am härtesten. Kinder sind nicht verantwortlich für Bomben und Geschosse, Bandenkriminalität, Verfolgung, schlechte Erntejahre oder geringe Löhne. Dennoch sind sie stets die ersten, die von den Auswirkungen von Krieg, Konflikten, Klimawandel und Armut betroffen sind.

Diese Kinder werden nach ihrem rechtlichen Status in einem Land in verschiedene Gruppen unterteilt, der ihnen aufgrund der Form der jeweiligen Migration – „geflüchtet“, „vertrieben“ oder „migriert“ - zugeschrieben wird. Doch in erster Linie sind es Kinder, unabhängig davon, woher sie kommen oder wo sie sich befinden.

Nur wenn die Staatengemeinschaft gemeinsam die Verantwortung dafür übernimmt, Kindern eine Chance auf ihre Kindheit zu geben, können globale Ziele – von den Ergebnissen der Weltgipfel bis hin zu den Nachhaltigen Entwicklungszielen bis 2030 – erreicht werden. Die Entscheidungen und Zielformulierungen der beiden Gipfel müssen deshalb in die Praxis umgesetzt und Kinderrechte international und national in das Zentrum des politischen Handelns gestellt werden.

Madres refugiadas sirias con sus hijos en un taller de prevención de la violencia en el asentamiento informal de Saadnayel, valle de la Beeka, Líbano. © UNICEF/UN031067/Bosch

Eine Krise der Kinder – Ziele und Empfehlungen von UNICEF

Im Vorfeld der Weltgipfel veröffentlicht UNICEF am 7. September 2016 einen globalen Report „Entwurzelt“ („Uprooted“) in dem erstmals alle aktuell verfügbaren Daten über geflüchtete oder migrierte Kinder zusammengetragen wurden. Auf der Basis dieser Daten und Erkenntnisse, sind wir uns sicher: Es kann nur gelingen, allen Kindern eine Chance auf ihre Kindheit zu geben, wenn alle teilnehmenden Staaten am 19. und 20. September der Not von geflüchteten und migrierten Kindern besondere Aufmerksamkeit schenken und die folgenden sechs Ziele und praktischen Vorschläge unterstützen und berücksichtigen:

Geflüchtete und migrierte Kinder, insbesondere unbegleitete Kinder, vor Gewalt und Ausbeutung schützen.

Gezielte Maßnahmen zur Verbesserung der Kinderschutzsysteme müssen ergriffen werden. Dazu gehören die Aus- und Weiterbildung von Sozialarbeitern und Mitarbeitern im Bereich des Kinder- und Jugendschutzes sowie die Zusammenarbeit mit allen relevanten Berufsgruppen und Nichtregierungsorganisationen.

Gegen Menschenhandel muss entschieden vorgegangen werden. In diesem Zusammenhang ist nicht nur eine bessere Umsetzung des bestehenden Rechts notwendig, sondern auch eine systematische Unterstützung für Flüchtlingskinder durch den Einsatz qualifizierter rechtlicher Vertreter. Der Zugang zu einem Rechtsbeistand und zu Informationen bezüglich ihrer eigenen Situation und des Prozesses zur Bestimmung ihres Aufenthaltsstatus muss für Kinder stets gewährleistet sein.

Für die Festlegung des Aufenthaltstitels sollten die Regierungen klare Richtlinien für verantwortliche Entscheider entwickeln, die Kinder und Jugendliche davor bewahren, in Länder zurückgeführt zu werden, in denen ihnen Verfolgung oder Lebensgefahr drohen. Das Wohl des Kindes sollte bei allen rechtlichen Entscheidungen im jeweiligen Einzelfall vorrangig berücksichtigt werden.

Die Inhaftierung von Kindern aufgrund ihres Aufenthaltsstatus beenden.

Es müssen praktische Alternativen zu Haft entwickelt werden, wenn Kinder (oder ihre Familien) involviert sind – denn eine Inhaftierung von Kindern hat schwerwiegende negative Auswirkungen auf ihre Entwicklung. Daher müssen stets Alternativen zur Haft angewendet werden, wie beispielsweise das Einbehalten des Passes, das Verhängen von Meldeauflagen, das Verbürgen von Familienmitgliedern oder eines rechtlichen Vertreters, die Unterbringung von unbegleiteten und von ihren Eltern getrennten Kindern bei Pflegefamilien oder in betreuten Wohneinrichtungen sowie die verpflichtende behördliche Registrierung.

Die Einheit der Familie wahren - der beste Weg, Kinder zu schützen und ihnen einen sicheren rechtlichen Status zu geben.

Ein eindeutiger gesetzlicher Rahmen ist notwendig, um Kinder davor zu bewahren, bei Grenzkontrollen oder während des Verfahrens zur Bestimmung des Aufenthaltsstatus von ihren Eltern getrennt zu werden. Neben der Beschleunigung der behördlichen Verfahren muss die Zusammenführung von Kindern mit ihren Familien in den Zielländern vereinfacht werden. Dabei müssen alle möglichen Maßnahmen ergriffen werden, um Kinder und ihre Familien zusammenzuführen.

Darüber hinaus ist die unverzügliche Registrierung von Kindern, die in Transit- oder Zielländern geboren werden, unerlässlich für deren weiteres Wohlergehen. Die Staaten sollen jedem dieser Kinder eine Geburtsurkunde ausstellen bzw. es registrieren. Dies verhindert die Staatenlosigkeit und ist u.a. eine Grundvoraussetzung für den Zugang zum Gesundheits- und Bildungssystem.

Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung sowie psychosozialer Betreuung für alle geflüchteten und migrierten Kinder schaffen.

Politik, Behörden und Gemeinden müssen gemeinsam mit Vertretern des Privatsektors mehr tun, um Kindern ihr Recht auf Bildung, umfassende Gesundheits- und Hygieneversorgung, Unterkunft, ausreichende Versorgung mit Nahrung und Wasser sowie uneingeschränkten Zugang zu rechtlicher und psychosozialer Unterstützung zu gewährleisten. Dies ist nicht nur eine kollektive Verantwortung, sondern liegt auch im eigenen Interesse jeder Gesellschaft. Der Aufenthaltsstatus und -ort eines Kindes darf hierbei niemals ein Hindernis sein.

Fluchtursachen bekämpfen.

Die Ursachen für Konflikte, Gewalt und extremer Armut in den Herkunftsländern müssen bekämpft werden. Hierzu gehört beispielsweise ein erleichterter Zugang zu Bildung, eine bessere sozialer Absicherung, mehr Verdienstmöglichkeiten, Maßnahmen gegen Jugendarbeitslosigkeit, Bekämpfung von Bandenkriminalität, verantwortungsvolle und transparente Regierungsführung. Die Regierungen müssen den Dialog mit der Gesellschaft und Engagement für friedliche Konfliktlösungen, Toleranz und Integration aktiv fördern.

Maßnahmen gegen Fremdenfeindlichkeit, Diskriminierung und Marginalisierung in Transit- und Zielländern fördern.

Vertreter von Nichtregierungsorganisationen, Gemeinden, Kirchen, der Privatwirtschaft und politischen Entscheidungsträgern müssen ein breites Bündnis bilden, das Verantwortung übernimmt, um Hass und Ablehnung gegenüber Flüchtlingen vorzubeugen.

Die Weltgipfel zu Flucht und Migration im September 2016 Startpunkt einer gemeinsamen Aufgabe

Das bereits im Entwurf vorliegende Abschlussdokument des Gipfels im Rahmen der UN – Generalversammlung zeigt die große Bereitschaft der Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen für die Menschenrechte von migrierten und geflüchteten Menschen einzutreten. Die hierin festgehalten Ziele, die dafür sorgen sollen, dass alle Kinder weltweit - unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus – eine Chance auf eine Kindheit haben, müssen der Startpunkt eines gemeinsamen Handelns sein. Weitere Informationen zu den Inhalten und Themen des UN – Gipfels finden Sie hier: http://refugeesmigrants.un.org/summit

UNICEF unterstützt sowohl in Zielländern wie beispielsweise Deutschland als auch im Rahmen von humanitärer - oder Entwicklungszusammenarbeit in Herkunfts-, Transit- und Zielländern den Schutz von geflüchteten, vertriebenen und migrierten Kindern.

 

--------------------------------------------------------------------

Kontakt: Dr. Sebastian Sedlmayr (Abteilungsleiter Kinderrechte und Bildung) | sebastian.sedlmayrunicef.de | Tel. +49 221-93650-282

Kontakt: Susanne Hassel (Politik/ Kinderrechte) |
susanne.hasselunicef.de | Tel. +49 30 2758079-12

Die Inhalte dieses Artikels geben die Meinung der Autoren und nicht notwendigerweise die der GIZ oder des BMZ wieder.

Aktuelles

UN-Statement zur Situation der geflüchteten Rohingya in Bangladesch

UN-Statement zur Situation der geflüchteten Rohingya in Bangladesch

Gemeinsames Statement von UNICEF-Exekutivdirektor Anthony Lake und UN-Nothilfekoordinator Mark Lowcock zum Abschluss ihres Besuchs in Bangladesch

UNICEF

mehr
Kindern eine Stimme geben!

Kindern eine Stimme geben!

Bundesregierung ermöglicht im neuen Schuljahr Unterricht für weitere 360.000 syrische Kinder

BMZ

mehr
Kriege gegen Kinder müssen dringend enden!

Kriege gegen Kinder müssen dringend enden!

Regierung muss vorausschauende Friedenspolitik fördern und Erklärung für "Sichere Schulen" unterschreiben!

World Vision

mehr
Bangladesch: Mehr als 200.000 Rohingya-Kinder brauchen Hilfe

Bangladesch: Mehr als 200.000 Rohingya-Kinder brauchen Hilfe

Bericht aus den Flüchtlingslagern der Rohingya in Bangladesch

UNICEF

mehr
Violence on Rise for Nigerian Migrants Traveling to Italy, UN Migration Agency Report Reveals

Violence on Rise for Nigerian Migrants Traveling to Italy, UN Migration Agency Report Reveals

Flow Monitoring Survey for the central Mediterranean route provide analysis of Nigerian migrants´ profiles and experiences while en route to Italy (direct or witnessed) with regard to human trafficking indicators in 2016 and 2017.

International Organization for Migration (IOM)

mehr
Challenges in Protecting the Rights of Migrating Children

Challenges in Protecting the Rights of Migrating Children

Governments are challenged to uphold the rights and provide essential services for growing numbers of child migrants. UNICEF's featured experts provide their perspectives.

‘Nobody will answer you if you talk’

‘Nobody will answer you if you talk’

The case for research on trafficking in emergencies

Alina Potts, UNICEF Connect

mehr
Kinder von Rakka in verzweifelter Lage

Kinder von Rakka in verzweifelter Lage

In der umkämpften syrischen Stadt Rakka befinden sich nach Angaben von UNICEF weiter Tausende Kinder zwischen den Fronten. Ihr Leben ist in akuter Gefahr.

UNICEF

mehr
Save the Children stoppt Rettungsoperation auf dem Mittelmeer vorerst

Save the Children stoppt Rettungsoperation auf dem Mittelmeer vorerst

Grund dafür ist, dass die libysche Marine ihr Operationsgebiet vor der eigenen Küste massiv ausgedehnt hat. Das macht die Rettungseinsätze von Save the Children und anderen unabhängigen Hilfsorganisationen derzeit unmöglich.

Save the Children

mehr
Alle 14 Minuten stirbt ein Mensch durch eine deutsche Waffe

Alle 14 Minuten stirbt ein Mensch durch eine deutsche Waffe

terre des hommes zur Bundestagswahl: Waffenexporte führen zu Tod und Vertreibung

terre des hommes

mehr

Materialien

Harrowing Journeys

Harrowing Journeys

Children and youth on the move across the Mediterranean Sea, at risk of trafficking and exploitation
UNICEF, IOM | 
Left Behind

Left Behind

Refugee Education in Crisis
UNHCR | 
In Search of Opportunities

In Search of Opportunities

Voices of children on the move in West and Central Africa
UNICEF | 
Angekommen in Deutschland

Angekommen in Deutschland

Wenn geflüchtete Kinder erzählen
Dr. Katharina Gerarts, et. al. |  World Vision Deutschland, Hoffnungsträger Stiftung | 
The Neglected Link - Effects of Climate Change and Environmental Degradation on Child Labour

The Neglected Link - Effects of Climate Change and Environmental Degradation on Child Labour

terre des hommes Child Labour Report 2017
Lisa Myers, Laura Theytaz-Bergman |  terre des hommes | 
Die Auswirkungen von Klimawandel und Umweltzerstörung auf Kinderarbeit

Die Auswirkungen von Klimawandel und Umweltzerstörung auf Kinderarbeit

terre des hommes Kinderarbeitsreport 2017
Lisa Myers, Laura Theytaz-Bergman |  Terre des hommes | 
"Agents of Change“ - BMZ Aktionsplan

"Agents of Change“ - BMZ Aktionsplan

Kinder- und Jugendrechte in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit
BMZ | 
Geraubte Kindheit

Geraubte Kindheit

Ende der Kindheit Index 2017
Save the Children |